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Archive for März 2011

Wir wollen leben.
Dans Brief aus dem Gefängnis rue de la Santé, Paris, 6. Februar 2011

„Der Boden, auf dem Sie stehen, brennt.“ August Spies zu seinen Richtern. Immer schon unterdrücken Menschen andere Menschen. Das sind die
verfluchten Grundlagen, aus denen diese Zivilisation der Gefängnisse
entstanden ist. Herrschaft, sei sie ökonomisch, sexistisch oder
moralisch, bestimmt das Verhältnis zwischen den Menschen, so sehr und
seit so langer Zeit, dass die alleinige Tatsache, andere Formen von
Beziehungen zu suchen und zu leben, sich eine Zukunft ohne Autorität zu
wünschen und nach diesen Zielen zu handeln, zu einer Straftat wird.
Freundschaften werden zu ‚kriminellen Vereinigungen‘, freie
Zusammenschlüsse ohne Hierarchien werden ‚terroristischen
Organisationen‘ samt aller Fantasmen der Herrschenden: Chefs,
Handlanger, Theoretiker usw. Von Frankreich bis Chile über Griechenland,
Italien und viele andere Orte, wo sich Anarchisten und Anti-Autoritäre
organisieren, um die Unterdrückungsverhältnisse zu beenden, organisiert
sich auch die Repression mit ihrem militärisch-juristischen Arsenal.
Diese Situation ist an sich nicht sehr erstaunlich, sie ist vielmehr so
alt wie unsere Ideen und unsere Lust zu leben. Von den Sondergesetzen
gegen Anarchisten im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur
Straftat der anarchistischen Gesinnung im heutigen Italien, hat der
Anarchismus immer als soziale Abschreckung gedient. Ich thematisiere
hier den Anarchismus, weil ich selbst Anarchist bin, aber diese
Schlussfolgerungen treffen auch auf viele anderen phantasmatischen
Kategorien der Mächtigen zu: die „Banden“, die „Randalierer“, die
„Anarcho-Autonomen“, die „Roma“ und andere „ethnischen Gangs mit
Kaputzenpullis“, von denen in den Medien so gerne gesprochen wird.
Es wird versucht, diesen aus politischen und wahltaktischen Überlegungen
erschafften Kategorien Jahrhunderte alte und weitverbreitete Praktiken
wie soziale Umverteilung, Sabotage, politische Graffiti und andere
Ausdrucksformen zuzuordnen, die in Wahrheit niemandem gehören außer
vielleicht denjenigen, die die Gesellschaft dazu bringt gegen sie aktiv
zu werden.
Man kann also diese Praktiken einigen ‚Radikalen‘ zuschreiben, um alle
anderen vergessen zu lassen, dass es nur in ihren Händen liegt, sich die
Kontrolle über ihre Leben wieder zu nehmen. Hier kommen die
Gewerkschaften, die Politiker, die Wortführer und andere mythische
Figuren ins Spiel, um die Wut der Unterdrückten auszusitzen, um allen
ihre persönliche Auflehnung abzusprechen und sie in Macht und Geld für
einige wenige umzuwandeln.
Wir sind alle im Gefängnis. Wer kann guten Gewissens behaupten, dass
arbeiten oder sich in einem Klassenraum, einer Fabrik oder in einem
Supermarkt einsperren zu lassen, etwas anderes ist als sich selbst zum
Gefangenen zu machen. Wer spürt nicht in seinem Hühnerkafig zwischen
Wohntürmen, die den Horizont versperren, dass sein Leben nur eine Reihe
an verschiedenen Freiheitsberaubungen ist? Wer schafft es noch, dem
Anblick von Stacheldraht, Zäunen, Sicherheitstüren und Schranken zu
entgehen, die immer stärker die Orte bestimmen, an denen wir uns
befinden, wenn wir uns von der Arbeit zur Metro, vom 15m²-Zimmer zu den
Einkaufshallen schleppen?
Diese Gesellschaft ist ein riesiges Gefängnis, in der sich Gefängnisse
befinden, die wiederum weitere Gefängnisse enthalten. Draußen die Angst
vorm Gefängnis, drinnen die Angst vorm Bunker. In diesem grauen, kalten
Leben entzünden sich trotzdem manchmal Flammen der Wut. Kürzlich haben
sie von Tunesien, Algerien und Ägypten aus die Feuer unserer Herzen neu
belebt, die sich nicht von Repression löschen lassen werden.
Wir wollen unsere Solidarität mit allen Aufständigen ausdrücken, die
sich ungeachtet der Drohungen und der Gewehrkugeln gegen die Ordnung
wenden, weil auch wir mit dieser Welt des Geldes und der Macht Schluss
machen wollen, weil auch wir leben wollen. Als winzige Beteiligung an
den Wutschreien, die in den letzten Monaten das Mittelmeer überquert
haben, haben wir einige Parolen an die traurigen Mauern unserer Viertel
geschrieben, gegen die demokratische und die diktatorische Herrschaft
und gegen die Macht des Geldes. Festgenommen wurden wir um drei Uhr morgens im 20. Arrondissement in der
Rue de Tourtille von Zivilbullen, die uns schon einige Zeit beobachtet
hatten. Nach einer kurzen Nacht in der Polizeiwache des 20.
Arrondissments, übernimmt die Anti-Terrorismus-Sektion der
Kriminalitätsbrigarde und bringt uns in ihre Räume am Quai des Orfèvres,
nachdem sie unsere Wohnungen durchsucht haben, um ihre Datensammlungen
zu aktualisieren. Wir erfahren, dass sie uns für eine Reihe von Graffiti
gegen das Rote Kreuz und seine allgegenwärtige und internationale
Beteiligung an der Abschiebemaschinerie und der fortschreitenden
Internierung von Besitzlosen verantwortlich machen. Wir sind außerdem
für die Verweigerung der Entnahme unserer DNA und der Abgabe unserer
Fingerabdrücke angeklagt und für die Nicht-Beachtung der richterlichen
Auflagen, die Olivier und ich schon hatten. Im Februar 2010 waren wir
wegen unserer Beteiligung an Kämpfen gegen die Abschiebemaschinerie
festgenommen worden. Wir waren damals mit einigen anderen Genossen wegen
angeblichen Sabotageakten an Geldautomaten angeklagt. Es ging damals wie
heute darum, einige Einzelpersonen für die Kämpfe und Wünsche zu
bestrafen und zu isolieren, die von so vielen anderen geteilt werden.
Bei unserer Hafteinweisung war der Staatsanwalt sehr klar: „Der der
anarcho-autonomen Bewegung muss ein definitives Ende gesetzt werden und
M. Sayag muss eine Lektion erteilt werden bevor er zu einer noch
gewalttätigeren Form des Protests übergeht.“
Der Staat konzentriert sich heute auf uns, weil wir nie aufgehört haben,
unsere anarchistischen Ideen auf die Straße zu tragen und denjenigen zu
vermitteln, die davon noch nie etwas gehört hatten, und unserer
Solidarität mit den Aufständigen auf der ganzen Welt Ausdruck zu
verleihen. Das alles ist kein Geheimnis. Ich bin weder ‚unschuldig‘ noch
’schuldig‘ in den Dingen, die mir vorgeworfen werden. Ich bin Anarchist
und gehört meine Solidarität allen Handlungen, die darauf abzielen, sich
von Herrschaftsverhältnissen zu befreien ohne sie zu reproduzieren, ob
sie von mir oder von anderen stammen.
An alle, die nicht über diese armseeligen Mauern weinen, die wir zum
Sprechen gebracht haben, an alle, die sich gefesselt fühlen, wenn andere
es sind, sende ich meine revolutionnären Grüße und rufe euch auf, euren
Kampf für die Freiheit, der auch meiner ist, nicht ruhen zu lassen.
An alle, die diesen Verhältnissen dienen: eure Gefängnisstrafen werden
weder meine Tränen trocknen noch unsere Freude unterdrücken, mit der wir
an der Veränderung der Verhältnisse arbeiten.
Meine Solidarität gehört den Aufständigen, die aktiv werden ohne davon
zu träumen, die Diktaturen durch eine demokratische Herrschaft zu
ersetzen. Sie gehört auch allen Gefangenen auf diesem Planeten, die
nicht aufgeben und die sich nicht von anderen abgrenzen, indem sie sich
Kategorien wie die des ‚politischen Gefangenen‘ erfinden. Von Sidi
Bouzid nach Athen, von Bal-el-oued nach Santiago, von Villiers-le-bel in
die Vorstädte von Rio – lasst unsere Revolten unsere Solidarität
stärken, und umgekehrt.
Freiheit.
Am 6.2.2011, Dan.

PS: Ihr könnt mir auf englisch und auf französisch schreiben.

Maison d‘arrêt de la Santé
Daniel SAYAG
N° d‘écrou : 293 350
42,rue de la Santé
75 674 Paris cedex 14
France

Olivier’s Adresse:

Maison d’arrêt de la Santé
Olivier Toussaint
N° d’écrou : 293 348
42, rue de la Santé
75 674 Paris cedex 14
France

 

Text übernommen von http://ch.indymedia.org/de/2011/03/80527.shtml http://noprisonnostate.blogsport.de

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